Dienstag, 2. Juni 2009

Max Frisch, Thomas Mann, Fontane, Goethe...

Der FAZ geht es aktuell um die Frage, wie authentisch ein literarisches Werk sein darf. Max Frisch, so wird behauptet, habe seine Tochter traumatisiert, indem er seine Erlebnisse mit ihr - seine Gefühle und Gedanken auch - in Texte einbaute. Der Autor wird als "grausam" und "kalt" bezeichnet. Tatsächlich war Max Frisch ein engagiert um Wahrhaftigkeit bemühter Autor, und die Frage kann nur sein, inwieweit Persönlichkeitsrechte solche Ambition dominieren dürfen oder sollen.
Durfte Goethe im Werther sein Dreiecksverhältnis mit Charlotte Buff und ihrem Bräutigam Kestner darstellen?
Durfte Fontane in Effi Briest einen tatsächlichen Fall thematisieren?
Hat Thomas Mann in Buddenbrooks nicht seine eigene Famiulie blossgestellt?
Und Max Frischs Tagebücher, seine Erzählung Montauk - wie steht es damit?

Offenbar haben Kinder bedeutender Autoren oft ein Problem damit. Thomas Manns Sohn Klaus hatte eins, obgleich er als August von Goethe in sehr verfremdeter Form Romangestalt wird. Seine jüngere Schwester Elisabeth nicht: über sie hatte Thomas Mann sogar zwei eigentlich unverschlüsselte Texte geschrieben, darunter die Meistererzählung Unordnung und frühes Leid.

Authentizität ist die Hauptforderung der europäischen Moderne. Wir glauben, fühlen, denken nicht mehr, was wir sollen - wir fragen danach, was wir tatsächlich glauben, fühlen, denken.

Wer ein Problem damit hat, der hat ein Problem - und sollte es nicht auf Autoren auslagern. Die hatten ihrerseits Probleme, ihre eigenen, merkwürdiger Weise.

Kommentare:

  1. Idealismus. Vorbehaltsloser und blauäugiger Idealismus. Wenn man ein winzig kleines bisschen Unkorrekt ist, nicht diesem Idealismus entspricht, wenn sich nur irgendwer irgendwie zumindest minimal empören kann, dann sind die Leute sofort blind gegenüber der Realität. Und wissen die eben bezeichnete Authenzität dieser Realität nicht mehr zu schätzen, obwohl sie so viel lehrreicher wäre als ein idealisiertes Zerrbild.

    Gruß

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