Sonntag, 29. Mai 2011

Beim Betrachten alter Tatort-Krimis

Einmal Felmy, einmal Schwarzkopf und einmal Bayrhammer: gute Schauspieler ohne Zweifel, und doch wirken die Kommissare auf mich seelenlos. Sie haben keine spürbare Ausstrahlung, keine Persönlichkeit – nur ein Verhalten. Und zwar verhalten sie sich sachgemäss. Ein Verbrechen ist aufzuklären, sie bemühen sich darum, das kann nicht falsch sein. Sie haben ein Verhältnis zu ihrer aktuellen Aufgabe; sie haben kein Verhältnis zu sich selbst. Ich war sehr erstaunt, als ich das feststellte – hatte mit so einem Eindruck keineswegs gerechnet.

Beim Versuch der Annäherung an ein mögliches Verständnis fiel mir zunächst ein Gegenbeispiel ein. Ich dachte an Jean Gabin in Filmen wie „Maigret sieht rot“. Von Beginn an strahlt er ausser Sachkunde eine wie natürliche Autorität und Selbstgewissheit aus. Er verhält sich nicht nur zu den Gangstern, mit denen er es zu tun bekommt, nicht nur zu seinen Mitarbeitern, Kollegen, Rivalen – er verhält sich vor allem zu sich selbst. Jederzeit spüre ich, mit wem ich es zu tun habe. Eben das ist es, was ich bei Felmy, Schwarzkopf und auch Bayrhammer NICHT wahrnehme, denen fehlt es.

Mein Erklärungsversuch: Gabin verkörpert den französischen Kleinbürger in seinem Widerspruch, citoyen doch auch und nicht nur bourgeois. Er steht für eine Geschichte, die nicht nur die bekannten Greuel auflistet, auch die nicht minder bekannten Errungenschaften. Richelieus Academie Francaise, die Enzyklopädisten, die Revolution, der Code Napoleon, auf dem unser Bürgerliches Gesetzbuch basiert, de Gaulles France Libre: darauf darf Maigret stolz sein. Die dunklen Seiten muss er nicht verleugnen: Richelieus zynische Machtpolitik, die Missachtung der Aufklärer, die Grausamkeiten des Pöbels an der Guillotine, die Eroberungskriege des Korsen, die Kollaboration.

Maigret steht für das Ertragen, das Aushalten dieser Widersprüche – die seine Geschichte sind, auf die er dennoch stolz ist und es sein darf. Nicht als ob Maigret sich dessen bewusst wäre – er strahlt es aus wie von Natur, es ist ihm zur zweiten Natur geworden, ist seine Natur. Die es deutlich empfinden, sind wir, auch wenn er selber nie daran denkt.

Ganz anders Felmy, Schwarzkopf, Bayrhammer. Sie verleugnen ihre Geschichte. Halten ihre Vergangenheit nicht aus, nicht die Greuel, das wäre verständlich – aber auch die Errungenschaften nicht.

Das Massensterben in den Materialschlachten des Ersten Kriegs hat ihre Generation gelehrt, dass nur eines zählt, der Sieg – egal, wie er errungen ist. Hat man ihn einmal, sieht man weiter. Doch die Überlegung war falsch!

Man braucht, um Persönlichkeit auszustrahlen, die Überzeugung, richtig gehandelt zu haben. Wenn dieses Gefühl da ist und zu Recht da ist, dann spricht eine Niederlage, so bitter sie sein mag, das letzte Wort nicht. Wer hat gewonnen, Stauffenberg oder diejenigen, die ihn erschossen?

Die Kommissare gehören zur Generation der Verlierer. Verloren hatten sie, und zwar „alles“. Ihre Ehre? Das einzugestehen scheint unerträglich. War ungehorsam, wo Gehorsam keine Ehre brachte. Grabspruch eines Preussen. Sie haben gehorcht, als sie es nicht durften. Wir mussten, sagten sie nach dem Krieg, und so war es wohl. Hier steckt der Widerspruch. Gabins Maigret hält ihn aus; Felmys Haferkamp nicht; Schwarzkopfs Finke nicht; Bayrhammers Veigl - ? Die Rolle hab ich ihm geschrieben und frage mich schuldbewusst, ob ich ihm eine Persönlichkeit geben konnte. Eine Seele, nicht nur einen Job.

Glauben konnten sie nicht mehr. Mochten sich aber auch nie aufraffen, gute Erbschaft dankbar anzunehmen. Sie haben das Erbe in Gänze abgelehnt, der Saldo war negativ.

Ich hab sie erlebt. In Wirklichkeit hab ich sie erlebt. Entseelte Menschen, die nur noch das unmittelbar vor ihnen Liegende als Aufgabe erkannten. Nur keine Idee mehr, nie wieder einen Glauben. Bei Helmut Schmidt, dem bekanntesten deutschen Veteran , ging es soweit, dass er sagte: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Daher auch seine Ablehnung Willy Brandts. Der hatte Visionen, er wagte sie. Im Widerstand gegen Hitler zur Persönlichkeit gereift, stand er für eine Geschichte, die er nicht zu verleugnen brauchte. Erinnert ihr euch an den Kniefall in Warschau? Die Stadt ist wundersam wieder hergestellt worden – Hitlers Veteranen hatten sie als Trümmerfeld hinterlassen, da stand kein haus mehr und kein Stein auf dem andern. Brandt konnte sich dieser Tatsache stellen. Schmidt hasste ihn dafür, weil er selbst es nicht konnte.

Beunruhigend, dass Schmidt heute der angesehenste unserer Politiker ist und Brandt vergessen. Noch beunruhigender finde ich, dass wieder, wie nach dem Krieg, bloss Nächstliegendes als real anerkannt wird. Der Positivismus grassiert. Man ist stolz Cartesianer zu sein - ohne Philosophie. Auf naturwissenschaftliches Denken, ohne Naturwissenschaftler zu sein. Keiner wagt Vision. Entseelte Körper leben, aber strahlen nichts aus, keine Persönlichkeit – sie stehen für nichts und für nichts ein. So leben wir mit Gespenstern, an die Zeitgenossen glauben. Warum nicht, sie umgeben uns überall.

Menschen mit Ausstrahlung treffe ich selten. Gibt es einmal einen, dann wagt er kaum an sich selbst zu glauben, an seine Aufgabe, seine Kraft. Fühlt sich isoliert. Und ist es in aller Regel.

Wir befinden uns schon wieder in einer gefährlichen, hoch gefährdeten Phase unserer Geschichte. Wir glauben an nichts in unserer Vergangenheit, an nichts in der Zukunft. Wir, sage ich und meine: sehr viele von uns, die Mehrheit.

Der Coup muss gewagt werden, es koste was es wolle, meinte Henning von Tresckow. Aufs Gelingen kommt es nicht mehr an, nur noch darauf, dass wir den kommenden Generationen ausser dem materiellen nicht auch noch ein moralisches Trümmerfeld hinterlassen.

Es wäre hilftreich, wenn wir das Erbe annähmen – es nicht zwanghaft von uns wiesen mit Rationalisierungen wie: Zuerst haben sie Hitler geholfen, sie sollen nicht nachträglich schlau sein wollen. Das ist das unwichtige Argument, das man oft hört. Das wichtige Gefühl dahinter ist Ressentiment.

Ressentiments sollten wir bearbeiten, nicht in uns dulden.

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